Tante-Emma-Läden

Bis ins 20. Jahrhundert hinein lebten die Menschen an der Obermosel hauptsächlich von der Landwirtschaft und dem Weinbau. Dadurch war die Grundversorgung mit Lebensmitteln für die Familien weitgehend gesichert.

Doch vor dem Jahr 1900 gab es in Nittel schon ein Geschäft. Nittel gehörte während seiner Geschichte mehrmals zu Frankreich. Dadurch verblieben viele französische Wörter noch über Jahrzehnte im Dialekt haften. Das französische Wort für Geschäft „la boutique“ wurde von den Einwohnern umgewandelt in die kürzeren und für sie gebräuchlicheren Worte „Budix” oder “Boudick“.

Den ersten Hinweis auf ein Geschäft in Nittel, auch bezeichnet mit „Boudick“, findet sich im Zusammenhang mit der Auswanderung einer Familie nach Amerika. Der Name der Familie sowie das genaue Datum sind nicht überliefert. Es wird im Zeitraum zwischen 1850 und 1900 gewesen sein, als diese Familie auswanderte. Es wurde beschrieben, dass sie zuvor, also schon im 19. Jahrhundert, einen „Budick“ in dem Gebäude der ersten Nitteler Schule, die nach einem Brand im Jahre 1844 nochmals aufgebaut worden war, führten. Etwa ab dem Jahr 1920 entstanden dann in den Dörfern Geschäfte, die später meist als „Tante-Emma-Läden“ bezeichnet wurden. Es waren meist kleinere Geschäfte die von Familien manchmal über Generationen hinweg geführt wurden.

Die „Tante-Emma-Läden“ waren nicht nur die Quelle um fehlende Lebensmittel und sonstige Utensilien zu erwerben. Sie waren auch die Tauschbörse für die brandaktuellen Neuigkeiten und die heißesten Gerüchte im Dorf. Wer einen Laden besucht hatte, der war meist bestens über die Geschehnisse im Dorf informiert und auf dem allerneuesten Stand.

In Nittel gab es über mehrere Jahrzehnte hinweg sechs „Tante-Emma-Läden“, in Köllig und Rehlingen jeweils 1 Laden. Trotz diesem großen Angebot gab es unter den Geschäftsleuten untereinander keinen Konkurrenzgefühle. Vielmehr half man sich oft gegenseitig aus, wenn etwas fehlte, oder sie kauften sogar gegenseitig bei der „Konkurrenz“ ein. In Nittel kristallisierte sich der Kirchenweg als „Shopping-Meile“ heraus. Denn immerhin waren drei der sechs Nitteler Läden im Kirchenweg beheimatet, unter den heutigen Adressen Im Kirchenweg 12, Im Kirchenweg 16 und Im Kirchenweg 31. Die Namen der Läden waren oftmals abgeleitet von dem Hausnamen der jeweiligen Familie.

„Pontels“ (Nittel, in der Weinstraße im Gebäude der heutigen Volksbank)

Das Geschäft, das unter dem Namen „Pontels“ im Dorf bekannt war, wurde vermutlich im Jahre 1920 von Johann Peter Beck und Ehefrau Eva-Maria, geb. Wagner eröffnet. Im Jahr 1956 wurde das Geschäft von den Eheleuten Klaus Wagner und Thea, geb. Beck übernommen. Geschlossen wurde das Geschäft im Jahr 1972.

In „Pontels“ wurde den Nittelern ein breites Sortiment an Waren angeboten. Es wurden neben Lebensmitteln auch Spirituosen, Kleidung, Waschmittel, Nähzubehör, Wolle, Haushaltswaren, Metallwaren, Tabak und Zigaretten, Kaffee und Sonnenbrillen verkauft. Vieles davon, z.B. auch die Eisennägel, wurden beim Verkauf abgewogen und in Papiertüten verpackt. Üblicherweise wurden die Öffnungszeiten in dieser Zeit nicht so genau genommen. So kam es durchaus vor, dass ein Angler der unterwegs zur Mosel war, schon morgens um 5 Uhr klingelte, um die ihm noch fehlenden Angelhaken zu kaufen. Auch das war damals kein Problem.

„Schillen“ (Nittel, In der Rochusstraße 7)

Das Geschäft, das unter dem Namen „Schillen“ im Dorf bekannt war, wurde hauptsächlich von den Nittelern aus dem Oberdorf in Anspruch genommen. Das Geschäft wurde von Margarete Mord, geb. Schill gegründet und später von Maria Mich, geb. Mord und von Maria Schliesing, geb. Mich weitergeführt.

Neben Lebensmitteln wurden bei „Schillen“ auch Zeitschriften, Strumpfhosen, Nähutensilien, Glühbirnen und verschiedene Sorten von Nägeln angeboten. Maria Schliesing hatte das Geschäft schon ab 6 Uhr geöffnet und dort gab es dann schon frische Brötchen, Brot und Teilchen. Das nebenstehende Foto zeigt Maria Schliesing in ihrem Geschäft. Bedingt durch einen Generationswechsel wurde das Geschäft im Jahre 1985 geschlossen.

Kaufhaus „Schettgen-Essling“ (Nittel, Im Kirchenweg 16, auch „Budix“ genannt)

Maria Schettgen-Essling hatte zusammen mit Anna Steinbach eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Beide eröffneten daraufhin in den 1920iger Jahren Geschäfte in Nittel.

Im Geschäft Schettgen-Essling wurden nicht nur Lebensmittel verkauft. Es gab vielerlei Dinge die zum täglichen Leben gebraucht wurden, so z.B. auch freiverkäufliche Arzneimittel, Schreibwaren, Eisenwaren (Nägel, Hammer, Zangen), Milch und Milchprodukte, Geschenkartikel, Wolle und Handarbeitsartikel und zu besonderen Anlässen, wie z.B. St. Martins-Fackeln für die Kinder, wenn der Martinsumzug anstand oder „Kracher“ in der Fastnachtszeit. Später waren dann auch schon einige Souvenirartikel im Angebot damit die Besucher Nittel in guter Erinnerung halten sollten. Das Geschäft wurde ab den 1960iger Jahren von Elfriede Kohn-Schettgen weitergeführt, bis zu seiner Schließung im Jahre 1980.

Kaufhaus Steinbach-Müller (Nittel, Im Kirchenweg 31)

Anna Steinbach hatte zusammen mit Maria Schettgen-Essling eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Beide eröffneten daraufhin in den 1920iger Jahren jeweils ein Geschäft in Nittel und jeweils im Kirchenweg. In den 70er Jahren übergab Anna Steinbach das Geschäft an ihre Tochter Hildegard Wietor, geb. Steinbach.

Das Sortiment bestand aus den Artikeln, die jeder Haushalt zu dieser Zeit benötigte und insbesondere aus Lebensmitteln aller Art. Besonders ist in Erinnerung geblieben, dass die Wurst und der Käse für jeden Kunden noch in einzelnen Scheiben von dem großen Stück abgeschnitten wurden.

SPAR-Geschäft (Nittel, in der Zollstraße 1, in der heutigen Dorfbäckerei)

Das Geschäft wurde um 1965 in der Zollstraße 1, in den Räumlichkeiten in denen sich heute die Dorfbäckerei befindet, eröffnet. Es wurde gegründet und geführt von der Familie Hafkesbrink. Das Geschäft war als Selbstbedienungsladen konzipiert, so konnten die Kunden entlang der Regale gehen und sich die Warenauswahl anschauen. Das Geschäft wurde im Jahre 1996 geschlossen.

„De Gäertner“ (Nittel, Kirchenweg 12)

Vorgänger des Geschäftes war eine Bäckerei. Gegründet wurde das Geschäft von Emil und Helene Wittkowski und später weitergeführt von Hubert und Waldtraud Wittkowski.

Im ortsüblichen Dialekt wurde für dieses Geschäft der Name „de Gäertner“ benutzt. Dieser Name des Geschäftes bildete sich, weil sowohl Emil als auch Hubert Wittkowski den Beruf des Gärtners gelernt hatten. Beide pflanzten in ihrem Hausgarten vielerlei Pflanzen und Blumen an und verkauften diese dann im Geschäft. Ansonsten konnten beim „Gäertner“ Lebensmittel und vielerlei Dinge für den täglichen Gebrauch erworben werden. Das nebenstehende Foto zeigt Waltraud und Helene Wittkowski im Jahr 1969.

SPAR-Geschäft (Köllig, Im Haselgarten 34)

Anfang der 60er Jahre eröffnete Anna Ludes in Köllig ein SPAR-Geschäft in Köllig. In dem Geschäft wurden Lebensmittel, Getränke und Dinge des täglichen Gebrauchs angeboten. Dazu gehörten natürlich auch Zigaretten und Tabak, wobei der Tabak beim Verkauf lose in spitze Papiertüten gefüllt und abgewogen wurde. Es kam auch öfter vor, dass die Männer aus dem Ort sich nach getaner Feldarbeit noch ein Bierchen genehmigten, bevor es dann nach Hause ging. Besondere Aufmerksamkeit von den Kindern bekam ein großes Glas, es war gefüllt mit bunten Bonbons. Zum Preis von einem Pfennig pro Bonbon konnten die Kinder sich diese Leckereien mit nach Hause nehmen. Ein weiteres Highlight für die Kinder war das Eis für 20 Pfennig im Angebot. Das Geschäft wurde Ende der 60er Jahre geschlossen.

Praisser (Rehlingen, Bergstraße 6)

Unter dem Namen Praisser war das Geschäft in Rehlingen bekannt. Seinen Ursprung hatte es im nebenstehenden Wohngebäude. Der Laden wurde von Hedwig und Matthias Schmitt geführt, er war im Jahre 1948 eröffnet worden. Im Angebot waren allerlei Lebensmittel und später im kleinen Rahmen auch Textilien. Sehr viele Lebensmittel waren nicht verpackt. Wenn jemand Senf erwerben wollte, so brachte er ein leeres Glas mit, dieses wurde mit Senf befüllt und abgewogen. Auch die Nudeln wurden lose verkauft, sie wurden in ein mitgebrachtes Gefäß oder eine Tüte eingefüllt, abgewogen und dann konnte die Ware bezahlt werden. Wurden Quark oder Butter verkauft, so wurde die gewünschte Menge von einem großen Stück abgeschnitten und verkauft. Heringe gab es direkt aus dem Fass. Der Laden wurde schließlich im Jahre 1978 geschlossen.

Das Ende der Ära der  „Tante-Emma-Läden”

Die Tante-Emma-Läden versorgten die Menschen in Nittel, Köllig und Rehlingen über viele Jahrzehnte hinweg mit den notwendigen Lebensmitteln und vielen Dingen die im täglichen Leben gebraucht wurden. Sie waren aber nicht nur Versorger sondern auch wichtige Kommunikationsstätten für die Menschen.

Als die Mobilität der Menschen mit immer mehr Fahrzeugen ständig einfacher wurde platzierten sich größere Märkte in den Städten der Umgebung. Diese Märkte konnten größere Sortimente und Möglichkeiten zum Einkauf anbieten. Dadurch wurden die Tante-Emma-Läden immer öfter als „Notnagel“ genutzt, wenn man ein Pfund Butter im Supermarkt vergessen hatte, dann wurde es kurzerhand beim Laden um die Ecke gekauft. Zudem standen dann oft in den Familienbetrieben Generationswechsel an, die dann oft zum Ende eines Tante-Emma-Ladens führten. (schreibt Hans-Josef Wietor)